Frau Eule
Wenn alles verwirrend ist,
kommt der beste Rat vielleicht von jemandem,
der überhaupt nichts erklärt.
Der Eingang zur Baumhöhle war ziemlich niedrig, sodass Feuerlocke sich ordentlich bücken musste, um hineinzukommen – doch drinnen war es überraschend geräumig und gemütlich. Ihr erster Eindruck war, als sei sie in eine Bibliothek geraten – wenn auch in eine sehr chaotische, labyrinthartige Bibliothek.
Bücherstapel bedeckten jede freie Ecke des Wohnzimmers, sodass man sich nur vorsichtig bewegen konnte, ohne auf etwas zu treten. Ein Arbeitstisch in einer Ecke bog sich förmlich unter dem Gewicht dicker Bände. Neben einem bescheidenen Computer stand ein altmodisches Grammophon mit einem riesigen Trichter.
Die Regale an den Wänden waren voller bunter kleiner Kuriositäten, die Anne nur zu gern genauer betrachtet hätte: kleine Uhren, Muscheln, glänzende Kristalle, Porzellanfingerhüte … Feuerlocke ließ sich davon so sehr ablenken, dass sie beinahe vergaß, warum sie überhaupt gekommen war.
„Komm nur herein, komm nur herein, es wird spät. Du hast dir ja Zeit gelassen“, ertönte plötzlich die ältere Stimme von vorhin und ließ sie zusammenzucken.
Erst jetzt bemerkte Anne Madame Eule. Die alte Dame saß in einem bequemen Schaukelstuhl am offenen Fenster. In einer Hand hielt sie ein Buch, in der anderen eine der winzigen Porzellantassen. Sie trug einen verblichenen, aber dicken Hausmantel, und trotz des warmen Wetters war ein langer Schal um ihren Hals gewickelt. Hinter den dicken Vergrößerungsgläsern ihrer Brille wirkten ihre runden gelben Augen riesig, und ihre zerzausten, ergrauenden Federn verliehen ihr ein leicht komisches Aussehen.
Gedanken zur Szene
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Nach der Anspannung der Orchideenwiese fühlt sich diese Szene wie ein Atemzug an – wenn auch ein leicht staubiger.
Madame Eules Zuhause ist zugleich chaotisch und tröstlich: ein Hort aus Büchern, kleinen Kuriositäten, Uhren und halb vergessenen Systemen. Es ist ein Durcheinander, aber ein bewohntes. Ein Ort, an dem Regeln nicht gebrochen, sondern verbogen werden – nur schwer zu finden unter all dem Gerümpel.
Anne kommt wie ein Gast herein, doch Madame Eule behandelt sie wie einen erwarteten Termin. Sie wusste, dass Anne kommen würde. Nicht durch Prophezeiung oder Magie, sondern weil Herr Klock es ihr gesagt hat. Informationen reisen in dieser Welt auf seltsame Weise – wie Klatsch zwischen den Bäumen oder Flüstern durch Schlüssellöcher.
Es gibt keinen großen Empfang. Nur Tee. Oder besser gesagt: Wurst.
Und hier wird der Charme ein wenig dunkler. Die Würste sind köstlich – aber geheimnisvoll. Anne isst zuerst und stellt erst danach Fragen. Madame Eule antwortet wie jemand, der zu viel weiß und keinen Grund sieht, alles zu erklären. Das ist nicht direkt Gefahr, aber es ist verstörend. Sie ist freundlich. Sie ist rätselhaft. Man kann ihr vielleicht vertrauen – oder auch nicht.
Es ist das erste Mal, dass Anne jemandem begegnet, der offensichtlich mehr weiß, als er preisgibt.
Madame Eule treibt die Handlung noch nicht entscheidend voran. Aber sie verändert den Ton. Ihre Baumhöhle ist ein Raum des Innehaltens und der Möglichkeit. Ein Atemzug vor dem nächsten Stoß.
Und es ist das erste Mal, dass Anne wirklich allein einer erwachsenen Präsenz gegenübersteht. Keine Bedrohung. Kein Werkzeug. Nur jemand, der vielleicht mehr sieht, als er sagt.