Der Kampf gegen die Gorgonen
Sie folgten ihm durch Staub und Stille.
Doch die Stille verriet sie.
Nun ist er fort – und sie müssen weitergehen,
verwundet, verängstigt und völlig allein.
Aus der roten Dämmerung über ihren Köpfen tauchten mit unglaublicher Geschwindigkeit drei albtraumhaft hässliche, furchterregende Kreaturen auf.
Auf den ersten Blick sahen sie wie Frauen aus, ihre grünliche, schuppige Haut glänzte stumpf im schwachen Schimmer, der hier als Tageslicht durchging.
Ihre Arme und Beine endeten in gewaltigen, haarigen Pranken – völlig unpassend zu den glatten, schimmernden Körpern, an denen sie hingen, als hätte irgendein schlampiger Schneider sie angenäht, ohne sich darum zu kümmern, ob sie überhaupt zusammenpassten. Doch die scharfen Krallen ließen keinen Zweifel an der Wirksamkeit dieser sonst so plump wirkenden Werkzeuge. Dasselbe galt für ihre Zähne – unverhältnismäßig groß für solche kleinen Körper ragten sie wie lange, gebogene Eberhauer aus ihren Mündern hervor. Am schlimmsten aber waren ihre Haare – eigentlich gar keine Haare, sondern unzählige lange, dünne, schlangenartige Wesen mit eigenen Zähnen und Klauen, groteske Parodien ihrer Trägerinnen.
„Lauft! Kümmert euch nicht um mich!“, brüllte Fido seinen Gefährten zu und zog blitzschnell sein Schwert. Mit einem Hieb schlug er ein Bündel Schlangenhaare ab, das sich zischend und blind schnappend auf dem Boden wand. Der Zwerg warf sich zu Boden und rollte sich auf den Bauch, um dem ersten Angriff auszuweichen. Selbst in dieser unbequemen Lage gelang es ihm, mit seiner Stahlklinge kurze, aber wirkungsvolle Schläge auszuteilen.
Die Gorgonen zögerten einen Moment angesichts des unerwarteten Widerstands, doch sie fassten sich schnell wieder und stürzten sich mit erneuter Wut auf den Zwerg. Gliedmaßen gingen verloren, aber ihre Angriffe blieben gefährlich koordiniert. Bald wurde klar, dass Fido, so schnell er auch war, nicht mithalten konnte. Ihm fehlte der Schutz der Waldbäume – nun viele Dutzend Meter entfernt. Immer wieder rissen sich die Klauen in ihn hinein. Er blutete bereits überall, sein kleiner knorriger Körper war nun mehr Baum als Zwerg, zerhackt und zerschlagen. Schließlich gelang es ihnen, Arme und Beine festzuhalten, und dann hoben sie ihn unter triumphierendem Kreischen in die Luft und schleppten ihn fort – seine verzweifelten Gegenwehr ignorierend, ihres Sieges längst sicher. Augenblicke später lag wieder Stille über der Ebene, nur unterbrochen von den Windstößen.
Gedanken zur Szene
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Fido, der wilde kleine Krieger der Roten Wüste, wirkt unaufhaltsam – bis zu dem Moment, in dem er es nicht mehr ist.
Diese Szene trifft wie ein Schlag. Nicht nur wegen des monströsen Erscheinungsbildes der Gorgonen (obwohl Dianas Illustration uns den Schrecken keineswegs erspart), sondern weil etwas im inneren Gefüge der Erzählung zerbricht: unsere Annahme, dass Loyalität und Mut ausreichen, um zu siegen. Fido kämpft wie ein Held, beschützt wie ein Wächter, blutet wie eine Legende – und trotzdem wird er fortgeschleppt.
Doch was diese Szene wirklich vertieft, liegt unter dem Kampf selbst: Die Gespenster, die Fido überfallen, sind keine Fremden. Es sind seine Gespenster. Spielzeuge, die er zerstört hat. Bindungen, die er selbst zerbrochen hat. Diese Lektion haben wir bereits mit Anne gelernt – aber Fido noch nicht. Er trägt seine Vergangenheit wie eine verschlossene Kiste mit sich herum und weigert sich, hineinzusehen. Deshalb verfolgen ihn die Gespenster nicht aus dem Schatten – sie stürzen sich frontal auf ihn.
Hier dreht die Gespensterwüste das Messer tiefer: Selbst in einer Welt aus Magie und Erinnerung ist niemand sicher vor dem, womit er keinen Frieden geschlossen hat. Der Wald ist nicht mehr nur Annes Prüfung – er ist auch ein Spiegel für andere. Für Peter. Für Fido. Für alle.
Und dann ist da die Stille nach dem Kampf. Ein Umhang im Staub. Ein Kind, das um jemanden weint, den es für unzerstörbar hielt. In einem Buch voller Windhosen und Rätsel ist es ausgerechnet dieser einfache Moment, der am tiefsten schneidet: die Angst, jemanden zu verlieren, der uns Sicherheit gegeben hat.
Fido ist verschwunden. Und plötzlich sind wir nicht mehr sicher, ob diese Geschichte überhaupt ein glückliches Ende haben wird.