An Bord der „Mississippi“
Roter Nebel, seltsame Pflanzen,
eine gespenstische Stille.
Anne erwacht auf dem Deck.
Die Ameisen sind da,
aber der Wald ist nicht mehr derselbe.
Erst jetzt sah Rucksäckchen genauer hin – und schnappte ebenfalls nach Luft. Der Gespensterwald, ohnehin immer für Überraschungen gut, hatte sich diesmal selbst übertroffen. Dichte, tief hängende Wolken verdeckten alles um sie herum, und die Luft war erfüllt von feinem rotem Staub, der das Atmen schrecklich erschwerte.
Sie befanden sich irgendwo mitten auf einem Fluss, an Bord eines alten, verrosteten, fest verankerten Bootes. Doch ringsum war nichts Vertrautes zu sehen. Eigentlich konnte man diesen Teil des Waldes kaum noch „Wald“ nennen. Er hatte seine Farbe völlig verändert – von Grün zu Rot. Am Ufer ragten riesige rote Pflanzen in bizarren Formen auf. Manche erinnerten an Pilze, andere sahen aus wie Seeanemonen mit Fangarmen, die sich in alle Richtungen ausbreiteten, wieder andere erhoben sich bedrohlich wie Bündel riesiger gezackter Schwerter, und einige lagen breit wie gewaltiger Schimmel über allem und erstickten ihre Umgebung. Von der früheren grünen Pracht war nichts geblieben, und auch von den Waldbewohnern fehlte jede Spur. So weit das Auge reichte, erstreckte sich ein wildes, fremdes und abweisendes Land – keine Spur von zivilisiertem Leben. Der Gespensterwald war völlig unkenntlich geworden – wieder einmal, und wer wusste schon zum wievielten Mal.
„Das ist der Gespensterwald“, sagte Rucksäckchen, nicht ganz überzeugt. „Zumindest hoffe ich das. Jedenfalls sieht es nach nichts aus, was ich kenne. Aber wir haben keine Zeit für Geplauder. Hilf mir lieber, Anne wach zu bekommen. Hör auf zu starren und tu etwas!“
„Der... der Gespensterwald“, stammelte Peter. „Also existiert er wirklich...“
„Was dachtest du denn – dass wir Tante Petka besuchen?“, schnappte Rucksäckchen. „Der Wald existiert nicht nur, er beißt auch, kratzt und – wenn du nicht aufpasst – frisst er dich gelegentlich ein bisschen auf. Augen offen halten, verstanden? Dieser Ort steckt voller Zähne und Klauen!“
Als sie sein erschrockenes Gesicht sah, fügte sie etwas sanfter hinzu:
„Na gut – man kann hier auch leben. Manchmal macht es sogar irgendwie Spaß. Komm jetzt, hilf mir, Anne aufzuwecken. Mit ihr zusammen macht alles viel mehr Spaß – glaub mir.“
Gedanken zur Szene
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Diese Szene markiert einen Wendepunkt: Annes fantastische Welt, einst magisch und üppig, ist nun zu einer trostlosen, vergifteten Landschaft geworden. Für Leser, die sie seit Buch I begleiten, ist diese Verwandlung ebenso erschütternd wie symbolisch. Als Peter zum ersten Mal begreift, dass der Gespensterwald wirklich existiert, spiegelt seine fassungslose Reaktion die jedes Außenstehenden wider, der plötzlich in das innere Universum eines anderen hineingestoßen wird – besonders eines, das von Trauma, Abenteuer und Wachstum geprägt ist.
Doch dies ist nicht mehr der verspielte Wald aus sprechenden Igeln und harmlosen Gespensterspielen. Stattdessen liegt hier ein verbranntes, lebloses und bitter verwandeltes Land. Das Bild der einst majestätischen „Mississipy“, die nun rostend in einem roten Fluss liegt, setzt den Ton: Wir befinden uns tief in den Folgen einer Katastrophe, deren ganzes Ausmaß noch niemand versteht.
Und dann ist da Peter. Im Gegensatz zu Annes verhärteter Entschlossenheit verkörpert er Verletzlichkeit, Panik und den menschlichen Instinkt, sich an das Vertraute zu klammern. Seine Tränen und seine Angst werden nicht verspottet – Anne und Rucksäckchen nehmen sie sanft auf, wenn auch nicht ohne ein wenig Spott. Zum ersten Mal erkennt Peter, dass Annes Geschichten niemals bloß Geschichten waren. Es waren Zeugnisse.
Diese Reflexion handelt nicht nur von einem zerstörten Wald. Sie handelt davon, was geschieht, wenn andere endlich beginnen, deiner Wahrheit zu glauben – genau in dem Moment, in dem diese Wahrheit selbst monströs und kaum noch wiederzuerkennen geworden ist. Für Anne ist diese Bestätigung kaum ein Trost. Jetzt beginnt die schwerere Aufgabe: sich in einer Welt zurechtzufinden, in der einst ihre Vorstellungskraft blühte, in der nun aber Überleben und Sinn aus Asche neu geschmiedet werden müssen.