Ein Gerichtsverfahren
Fido, der von Geistern gefangen genommen und verurteilt wurde,
wird im letzten Moment von Anne gerettet –
mit einer Geschichte, die
die vergessene Wahrheit enthüllen könnte.
Der Anführer der Gespenster trat schwerfällig vor, seine vielen scharfen Krallen klackerten auf dem Steinboden. Dann schoss er in einem plötzlichen Wutanfall hoch, packte den Käfig und schüttelte ihn so heftig, dass Fido darin herumgeworfen wurde wie eine Stoffpuppe. Mehrmals schlug sein Kopf gegen die Eisenstäbe.
„Monster! Monster! Monster!“, brüllte das Gespenst und rammte den Käfig ein letztes Mal, bevor es wieder auf dem Boden landete. Fido, der sich fest an den Stäben festgeklammert hatte, ließ los und legte sich wieder mitten in den Käfig, als wäre überhaupt nichts geschehen.
„Wir alle kennen das Monster“, begann das Gespenst. „Dieser Zwerg ist unser bösartigster Feind… ein erbarmungsloses Wesen, mit dem wir Krieg führen, solange wir denken können… ein Albtraum, dessen bloße Existenz unser Leben vergiftet…“
„Blah blah blah“, gähnte Fido laut. „Warum gebt ihr nicht einfach zu, dass wir die ganze Zeit nur Krieg gespielt haben?“
„…dessen bloße Existenz unser Leben vergiftet“, wiederholte das Gespenst wütend. „Und dessen wir uns heute endlich entledigen werden – ein für alle Mal.“
„Was, keine Lust mehr zu spielen?“, sagte Fido mit gespieltem Mitgefühl. „Ihr müsst wohl alt werden.“
„Jeder von uns trägt an seinem Körper die Narben des Kampfes mit diesem Raubtier“, fuhr das Gespenst fort. „Seine Grausamkeit kennt keine Grenzen. Sein Herz ist aus Stein gehauen, und sein erbarmungsloses Schwert schlägt ohne jede Rücksicht auf Schönheit…“
„Schönheit? Wo ist denn hier Schönheit?“ Fido stand auf und sah sich um, die Hand über die Augen gelegt. „Ah, ich verstehe – dieser Tentakelklumpen hält sich hier für die Schönheit. Hör mal, Freundchen“, fügte er lässig hinzu und wandte sich dem Gespenst zu, „im Vergleich zu dir bin ich Schneewittchen unter den sieben Zwergen – und mich hat noch nie jemand hübsch genannt. Sagt dir das was?“
„Schweig, Ungeheuer!“, donnerte das Gespenst, nun sichtbar die Geduld verlierend. „Du wagst es, selbst vor Gericht keinen Respekt zu zeigen?“
„Was denn, wollt ihr mich aus dem Gerichtssaal werfen?“ Fido verzog schief das Gesicht.
Gedanken zur Szene
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Dies ist nicht nur eine Szene – es ist ein Moment der Abrechnung. Fido, der tapfere, raue Beschützer, steht angeklagt in einer makabren Parodie von Gerechtigkeit. Doch was wie ein Prozess aussieht, ist in Wahrheit eine Tragödie: Die Gespenster, furchteinflößend in Erscheinung und Verhalten, sind nichts anderes als zerbrochene Spielzeuge – seine eigenen zerbrochenen Spielzeuge. Fido ist, genau wie Anne im ersten Buch, im Wald gefangen, weil er sich seiner Vergangenheit nicht gestellt hat. Und anders als Anne hat er noch nicht akzeptiert, dass diese Monster sein eigenes Werk sind.
Die Gerichtssaal-Bilder sind bewusst grotesk gestaltet: ein kopfloser Richter, sumpfiger Nebel, missgestaltete Kreaturen – Kafka, neu gedacht als Kindergeschichte. Doch hinter diesem Wahnsinn steckt Methode. Diese Gespenster suchen Rache, nicht für das, was Fido ihnen jetzt antut, sondern für einen uralten Schmerz, den sie selbst nicht mehr ganz verstehen. Ihr Urteil gründet nicht auf Wahrheit, sondern auf Schmerz – und genau das macht es so gefährlich. Es ist Sündenbockdenken, verkleidet als Gerechtigkeit.
Und genau in dem Moment, in dem die Verzweiflung vollkommen scheint, tritt Anne ein – nicht als Kriegerin, nicht als Heldin, sondern als Stimme. Sie stellt sich diesem Prozess nicht mit Gewalt entgegen, sondern mit Gerechtigkeit. Ihr Ruf nach dem Recht auf Verteidigung klingt wie ein moralischer Donnerschlag. In einer Welt aus verzerrten Gesichtern und trüben Motiven leuchtet ihr Ruf nach Fairness klar und hell.
Diese Szene handelt von Schuld, Projektion und der Macht, das Wort zu ergreifen. Sie sagt uns: Ungeheilte Verletzung wird zu Rache. Aber auch – Mitgefühl kann diesen Kreislauf unterbrechen. Selbst wenn die Gespenster heulen, kann eine einzige Stimme der Wahrheit die ganze Geschichte verändern.